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07.04.2010: ZIMMER 202 - NLZ - Bonjour à Paris, Monsieur Pierre

Luzerner Zeitung Kultur
Film
«Bonjour à Paris, Monsieur Pierre»

Peter Bichsel war noch nie in Paris. Bis ihn der Filmer Eric Bergkraut endlich doch zur Reise verlocken konnte. Aus der Fahrt wurde ein wunderbarer Film.

Am dritten Tag begrüsst ihn die Receptionistin im Hotel Gare de l’Est mit einem familiären «Bonjour, Monsieur Pierre». «Das hat mich gerührt», sagt Peter Bichsel, «jetzt fühle ich mich aufgenommen.» Eins der Bücher des am 24. März 1935 in Luzern geborenen Autors, der heute in Bellach bei Solothurn lebt, heisst «Zur Stadt Paris». Aber Paris ist darin durchaus nicht die Bühne, auf der sich Bichsels Figuren bewegen. «Zur Stadt Paris» heisst ein Warenhaus in Langenthal, und an diesem Warenhaus macht der Autor seine Geschichten fest.

Peter Bichsel war überhaupt noch nie in Paris, obwohl eine Tante, der er auf einer Familienfeier ein Gedicht vortrug, meinte, er müsse unbedingt nach Paris, «du bist ein Künstler». Der Filmer Eric Bergkraut, 1957 in Paris geboren und mit vier Jahren in die Schweiz, nach Aarau, umgezogen, wollte ihn seit langem zu einer Reise nach Paris überreden: «Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich Peter Bichsel erstmals vorschlug, nach Paris zu fahren. Er reagierte wie unter Schock und sagte, das könne er nicht tun, denn er habe sich geschworen, niemals in diese Stadt zu gehen.»

Ein Tour-de-France-Fan

Und dabei liess es sich der Geschichtenerzähler in keinem Sommer nehmen, im Fernsehen die Tour de France zu verfolgen und bei der Ankunft in den Champs Elysées vor dem Triumphbogen mitzufiebern.

Nein, nach Paris wollte er nicht. So begleitet ihn Pio Corradis Kamera im Film von Eric Bergkraut zuerst auf den Weissenstein oberhalb Solothurn.

Peter Bichsel willigt dann doch in die Reise nach Paris ein. Er zieht seinen Rollkoffer durch den Warteraum im Basler Bahnhof und besteigt den Zug nach Paris. «Zur Gare de l’Est», darauf haben sich der Filmer und sein (Selbst-)Darsteller geeinigt. Im Hotel Gare de l’Est, unmittelbar an den Gleisen und mit Blick auf den Bahnhofvorplatz, ist für den Schweizer Schriftsteller das Zimmer 202 reserviert. Hier erzählt Peter Bichsel von sich. Er spricht über das Schreiben und schaut im Fernsehen die Tour de France. Was er sich für heute vorgenommen habe, möchte Eric Bergkraut am zweiten Tag wissen. «Ich brauche nichts vorzuhaben, jetzt bin ich hier, das ist genug.»

Im Jardin du Luxembourg

Er umkreist den Bahnhof, setzt sich an den kleinen runden Tisch am Fenster in der Bar gegenüber, trinkt seinen Wein, blättert in der Zeitung und blickt auf die Fassade seines Hotels. Will er nicht doch, zur Zieleinfahrt der Radrennfahrer, hinein in die Stadt Paris? Er will nicht. Doch nach fünf Tagen möchte er wissen, ob im Jardin du Luxembourg das alte Karussell wohl noch steht, dessen «Bestand von weissen Pferden, alle aus dem Land» sich im Gedicht von Rainer Maria Rilke «noch eine kleine Weile dreht».

Am Ende des Films steht Peter Bichsel im Jardin du Luxembourg an einem Zaun und blickt auf eins der weissen Pferde, das unter der Plache hervorschaut: «Ja, dieses Pferd kenne ich. Ich bin ihm in der Literatur begegnet.»

Eric Bergkrauts Reise mit Peter Bichsel im Eisenbahnzug nach Paris zur Gare de l’Est ist ein wunderbares Porträt dieses Erzählers. Rückblenden zeigen Archivaufnahmen aus den Lehrerjahren des mit den lakonisch-schönen Prosaminiaturen «Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen» berühmt gewordenen jungen Autors. Öffentliche Auftritte und private Einblicke runden das Porträt ab. In Solothurn steigt Bichsel die Treppe zu seiner Schreibklause hoch, am Herd kocht er sich Fleischvögel und Kartoffelstock für sich allein. Am liebsten, meint er, beginne er den Tag mit Kochen. Weil das leichter gehe als reden.

Den Takt des durchs Elsass fahrenden Zugs nimmt die Musik von Sophie Hunger leicht und poetisch auf. Ihre Gitarre, ihre Stimme, das klingt wie die Geschichten von Peter Bichsel: ganz einfach und doch höchst kunstvoll.

Dieser Film führt mitten hinein in das Geheimnis des Schriftstellers Peter Bichsel und seines Werks: Es ist die unmerkliche Verschiebung des Lebens ins Schreiben und des Schreibens wieder ins Leben. Wenn einer mit jeder Faser als Schriftsteller lebt und mit diesem Leben in seinem Werk ganz und gar präsent ist, dann ist es Peter Bichsel.

Video: Trailer zum Film unter www.zisch.ch/bonus

HHHHH

Hinweis: Ab 25. März im Kino. Vorpremiere morgen Mittwoch, 17. März, 12.15 Uhr, Kino Seehof, Zug, Donnerstag, 18. März, 20.30 Uhr, Kino Bourbaki, Luzern, mit Peter Bichsel und Eric Bergkraut.

«Jetzt bin ich hier, das ist genug.»

Peter Bichsel in Paris

Express:

Peter Bichsel, 1935 in Luzern geboren, feiert nächste Woche den 75. Geburtstag.

Am 25. März kommt der Porträtfilm «Zimmer 202» in die Schweizer Kinos.